Das deutsche duale Krankenversicherungssystem, bestehend aus der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und der Privaten Krankenversicherung (PKV), steht unter erheblichem finanziellen und strukturellen Druck. Studien und Klagen deuten auf eine ungleiche Lastenverteilung und steigende Kosten für GKV-Mitglieder hin, während die Finanzierung von Leistungen für bestimmte Bevölkerungsgruppen zunehmend problematisch wird.
Kernprobleme des dualen Systems
- Die Trennung zwischen GKV und PKV führt zu einer Risikoselektion, bei der gesündere und besser verdienende Personen tendenziell in die PKV wechseln, was die GKV finanziell schwächt.
- GKV-Mitglieder tragen indirekt Kosten für Leistungen, die eigentlich staatliche Aufgaben wären, was zu höheren Beiträgen führt.
- Die Finanzierung der Gesundheitsversorgung von Bürgergeldempfängern durch die GKV ist unzureichend, was zu Klagen gegen den Bund führt.
- Es gibt eine regionale Ungleichverteilung von Ärzten, die mit der Dichte von Privatversicherten korreliert.
Finanzielle Belastung der GKV-Mitglieder
Eine Studie der Bertelsmann Stiftung legt nahe, dass das duale System GKV-Mitglieder jährlich bis zu 145 Euro kostet. Dies liegt daran, dass Privatversicherte im Durchschnitt mehr verdienen und gesünder sind, was zu einem höheren Beitragsaufkommen und geringeren Leistungsausgaben in der PKV führt. Würden alle Bürger gesetzlich versichert sein, könnte die GKV laut der Studie jährlich rund neun Milliarden Euro mehr einnehmen, was zu Beitragssenkungen führen könnte.
"Versicherungsfremde Leistungen" und staatliche Verantwortung
Die Gesetzliche Krankenversicherung muss zunehmend Kosten für sogenannte "versicherungsfremde Leistungen" tragen, die eigentlich aus Steuermitteln finanziert werden müssten. Laut einer Studie des WIG2-Instituts beliefen sich diese Kosten im Jahr 2023 auf 59,8 Milliarden Euro, was zwei Beitragssatzpunkten entspricht. Für GKV-Mitglieder mit durchschnittlichem Einkommen bedeutet dies eine jährliche Mehrbelastung von etwa 740 Euro. Zu diesen Leistungen zählen unter anderem die Finanzierung der Digitalisierung des Gesundheitssystems und die Aus- und Weiterbildung von Pflegefachkräften.
Klage wegen Unterfinanzierung von Bürgergeldempfängern
Die gesetzlichen Krankenkassen haben den Staat auf höhere Zahlungen für die Gesundheitsversorgung von Bürgergeldempfängern verklagt. Laut GKV decken die aktuellen staatlichen Pauschalen nur etwa ein Drittel der tatsächlichen Kosten, was zu einer jährlichen Unterfinanzierung von rund zehn Milliarden Euro führt. Die Kassen warnen, dass diese Lücke zu steigenden Krankenkassenbeiträgen führt und die gesetzlich Versicherten und ihre Arbeitgeber übermäßig belastet.
Regionale Ungleichheit bei der Arztversorgung
Die Trennung zwischen GKV und PKV führt auch zu einer ungleichen Verteilung von Ärzten. Studien deuten darauf hin, dass in Regionen mit einem höheren Anteil an Privatversicherten auch mehr Ärzte niedergelassen sind. Dies wird auf die im Schnitt höhere Vergütung ärztlicher Leistungen für Privatpatienten zurückgeführt, was Anreize für Ärzte schafft, sich in diesen Gebieten niederzulassen und die Versorgung in anderen Regionen vernachlässigt.
Reformvorschläge
Angesichts dieser Probleme plädiert die Bertelsmann Stiftung für die Aufhebung der Trennung zwischen GKV und PKV. Vorschläge umfassen die Einführung eines Risikoausgleichs zwischen beiden Systemen, die Schaffung eines beihilfefähigen Tarifs in der GKV für Beamte, die Verbesserung der Mobilität von Altersrückstellungen in der PKV und einen leichteren Wechsel von der PKV in die GKV unter Mitnahme der Altersrückstellungen.
Quellen
- Duales System kostet Mitglieder der Gesetzlichen Krankenversicherung bis zu 145 Euro pro Jahr, Bertelsmann Stiftung.
- Gesundheitspolitik: Gesetzliche Krankenkassen reichen Klage gegen Bund ein, DIE ZEIT.
- „Trennung zwischen PKV und GKV ist unsolidarisch“, AerzteZeitung.de.
- Verschiebebahnhof in der GKV – zm-online, zm-online.
