Eine Debatte über die Kosten der Familienversicherung im Rahmen des deutsch-türkischen Sozialabkommens sorgt für Aufregung. Kritiker behaupten, Millionen von Türken würden kostenlos über deutsche Krankenkassen versichert, während hierzulande die Beiträge steigen. Faktenchecks zeigen jedoch, dass die tatsächlichen Kosten und Auswirkungen deutlich geringer sind als dargestellt.
Key Takeaways
- Das deutsch-türkische Sozialabkommen von 1964 regelt die soziale Sicherheit von Gastarbeitern und ihren Familien.
- Die Kosten für die Familienversicherung in der Türkei sind im Vergleich zu den Gesamtausgaben der deutschen Krankenkassen marginal.
- Die Regelung ist für Deutschland insgesamt kostengünstiger, als wenn Familienangehörige nach Deutschland ziehen würden.
Hintergrund des Sozialabkommens
Das 1964 geschlossene Abkommen zielte darauf ab, türkische Gastarbeiter durch attraktive Sozialleistungen für ihre Familien zu gewinnen. Es regelt die Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung und gilt auch für deutsche Staatsbürger im Ausland. Deutschland hat ähnliche Abkommen mit 20 weiteren Staaten.
Familienversicherung im Detail
Das Abkommen erlaubt in Deutschland versicherten Arbeitnehmern, ihre Angehörigen in der Türkei kostenlos mitzuversichern. Dies gilt für Ehepartner und minderjährige Kinder. Anders als in Deutschland zählen in der Türkei auch die Eltern zur Familie, sofern sie nicht selbst erwerbstätig oder versichert sind und Unterhalt erhalten. Mehrere Ehefrauen sind nicht mitversicherbar, da die Einehe in der Türkei gesetzlich vorgeschrieben ist.
Kosten und finanzielle Auswirkungen
Die Behauptung, Millionen Türken seien kostenlos versichert, ist übertrieben. Laut Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) betraf das Abkommen 2023 nur etwa 5.000 Familien in der Türkei, eine stetig sinkende Zahl. Die Kosten für die Familienversicherung beliefen sich 2020-2023 auf rund 6,8 Millionen Euro. Die Gesamtkosten des Abkommens mit der Türkei lagen im selben Zeitraum bei etwa 48 Millionen Euro, wovon der Großteil auf die Behandlung deutscher Staatsbürger in der Türkei entfällt.
Die jährlichen Ausgaben für das Abkommen machen nur einen winzigen Bruchteil der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenkassen aus (ca. 0,0047 Prozent im Jahr 2023). Eine Einstellung der Zahlungen würde die Beiträge für Versicherte in Deutschland nur um wenige Cent pro Monat senken.
Warum die Regelung für Deutschland vorteilhaft ist
Die Möglichkeit, Familienangehörige in der Türkei mitzuversichern, hat dazu beigetragen, dass viele türkische Arbeitnehmer ihre Familien nicht nach Deutschland holten. Die Versorgung in Deutschland wäre deutlich teurer. Beispielsweise kostete ein Versicherter in Deutschland 2024 monatlich etwa 350 Euro, während die Pauschale für eine Familie in der Türkei bei etwa 43 Euro lag. Zudem profitieren auch deutsche Staatsbürger im Ausland von dem Abkommen.
Quellen
- Die wichtigsten Fakten zum deutsch-türkischen Sozialabkommen, correctiv.org.
- Wut über Zahlungen der Krankenkassen an Angehörige in der Türkei ist sinnlos, FOCUS online.
- Abkommen – Nur ein Bruchteil der Krankenkassenleistungen geht in die Türkei, dpa-factchecking.
- Warum türkische Angehörige über deutsche Krankenkassen versichert sind, correctiv.org.
- Nein – Millionen Türken sind nicht kostenlos versichert, correctiv.org.
