Gesetzliche Krankenkassen in Deutschland stehen vor einer erheblichen finanziellen Herausforderung. Eine aktuelle Analyse prognostiziert für 2027 ein Defizit von bis zu zwölf Milliarden Euro, was zu steigenden Beiträgen führen könnte. Die Debatte um die Finanzierung des Gesundheitssystems und mögliche Reformen ist in vollem Gange.
Key Takeaways
- Eine Analyse des IGES-Instituts prognostiziert für 2027 eine Finanzlücke von bis zu 12 Milliarden Euro bei den gesetzlichen Krankenkassen.
- Steigende Ausgaben, der Wegfall von Bundesdarlehen und auslaufende Sparpakete tragen zur Lücke bei.
- Die Beitragssätze könnten in den kommenden Jahren deutlich ansteigen, bis 2033 die 20-Prozent-Marke überschreiten.
- Diskutiert werden verschiedene Lösungsansätze, darunter Steuerzuschüsse und Strukturreformen, während SPD-Chef Klingbeil eine reine Verschiebung von Haushaltslöchern ablehnt.
Die Finanzielle Schieflage der Krankenkassen
Eine Studie des IGES-Instituts im Auftrag der DAK-Gesundheit warnt vor einer Finanzlücke von 11,8 Milliarden Euro für die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) im Jahr 2027. Hauptursachen sind ein anhaltend stärkeres Ausgabenwachstum, der Wegfall eines 2,3 Milliarden Euro schweren Bundesdarlehens und das Auslaufen eines Sparpakets der Bundesregierung in Höhe von 1,7 Milliarden Euro. Diese Faktoren könnten dazu führen, dass der Beitragssatz in der GKV von derzeit 17,7 Prozent auf 18,3 Prozent im kommenden Jahr steigt und bis 2033 die 20-Prozent-Marke erreicht.
Auch die gesetzliche Pflegeversicherung ist betroffen und könnte 2027 mit Mehrbelastungen von 5,5 Milliarden Euro konfrontiert sein. Die Beiträge hierfür könnten von 3,8 Prozent auf 4,1 Prozent steigen und bis 2033 auf 5,0 Prozent anwachsen. Insgesamt könnten die Sozialabgaben für alle vier Zweige der Sozialversicherung bis 2035 auf 50 Prozent ansteigen.
Lösungsansätze und Politische Debatten
Angesichts dieser Prognosen schlägt DAK-Chef Andreas Storm umfassende Struktur- und Versorgungsreformen vor. Er fordert unter anderem, dass die Ausgaben der Kassen bis Ende 2029 nur noch im Einklang mit den Einnahmen steigen dürfen und eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Arzneimittel und Hilfsmittel auf sieben Prozent. Die Bundesregierung hat die Krankenkassen und die Pflegeversicherung mit Milliardendarlehen unterstützt, um kurzfristig Stabilität zu gewährleisten.
SPD-Chef Lars Klingbeil lehnt jedoch die Idee ab, die Krankenkassenbeiträge von Bürgergeldempfängern künftig komplett aus dem Bundeshaushalt zu finanzieren. Er bezeichnet dies als "Milchmädchenrechnung" und "Verschiebebahnhof", da der Haushalt bereits Lücken aufweise. Die gesetzlichen Krankenkassen widersprechen dieser Haltung und sehen darin eine soziale Ungerechtigkeit, da die Finanzierung über Beiträge nur einen Teil der Bevölkerung belaste.
Vorschläge einer Expertenkommission
Eine von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission hat eine Reihe von Sparvorschlägen vorgelegt, um die Finanzlücke von voraussichtlich 15 Milliarden Euro im Jahr 2027 zu schließen. Zu den Vorschlägen gehören:
- Abschaffung der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern ohne eigenes Einkommen.
- Senkung des Krankengeldzahlbetrags von 70 auf 65 Prozent des Regelentgelts.
- Übernahme der Beiträge für Bürgergeldbezieher durch den Bund.
- Erhöhung der Steuern auf Tabak und Spirituosen.
- Einführung einer Steuer auf zuckerhaltige Getränke.
- Erhöhung der Zuzahlung für Medikamente.
- Aussetzung des Anspruchs auf Hautkrebs-Screening für gesunde Menschen.
- Obligatorische Zweitmeinungen bei bestimmten planbaren Operationen.
- Begrenzung des Vergütungswachstums für Leistungserbringer.
Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) strebt an, diese Vorschläge "sehr schnell" in Gesetzesform zu gießen, um die Beitragsspirale nach oben zu stoppen und Einnahmen sowie Ausgaben nachhaltig in Einklang zu bringen.
Quellen
- Sozialabgaben von 50 Prozent?: Analyse: Krankenkassen droht 2027 eine Milliarden-Lücke, Ntv.
- Krankenkassen: Klingbeil lehnt höheren Steuerzuschuss ab, Handelsblatt.
- Klingbeil lehnt Steuerfinanzierung bei Bürgergeldbeziehenden ab, Pharmazeutische Zeitung.
- Diese 9 drastischen Einschnitte sollen das System jetzt retten, Merkur.
- Finanzbedarf der GKV, IGES Institut.
